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Die Definition von Religion

Was ist Religion

Zunächst ist festzuhalten, dass es keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition des Begriffs Religion gibt. Das Wort Religion leitet sich von dem lateinischen religio ab, was Rückbindung bedeutet.

Unter dem Begriff Religion versteht man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene, die den Glauben an eine Welt der Gottheiten oder der Spiritualität beinhalten. Sie beeinflussen das menschliche Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen und auch die Wertvorstellungen. Es sind die Religionswissenschaft, aber auch die Religionsgeschichte, Religionssoziologie, Religionsethnologie, Religionsphänomenologie, Religionspsychologie, Religionsphilosophie und z.T. auch die unterschiedlichen Theologien, die sich mit der Religion und der Religiosität beschäftigen. Alle diese Wissenschaften haben unterschiedliche Ansätze, mit denen sie eine Definition versuchen. Mittlerweile dürfte es über hundert Definitionsversuche geben; keine hat sich allgemein durchgesetzt. So gibt es etwa den substanzialistischen oder den funktionalistischen Religionsbegriff.

Substanzialistischer Religionsbegriff

Der substanzialistische, auch essentialistische Religionsbegriff genannt, geht auf inhaltliche Merkmale von Religion ein. Er leitet die Definition vom Wesen der Religion ab und charakterisiert gleichzeitig die wesentlichen Merkmale von Religion. Religion ist danach ein Phänomen, das das Heilige, das Transzendente, das Absolute, das Numinose oder das Allumfassende zum Wesen hat. Religion wird von dem substanzialistischen Ansatz her auf die Auseinandersetzung des Menschen mit einer numinosen Macht oder den Glauben an übernatürliche Wesen bezogen. Gustav Mensching hat in diesem Sinne versucht zu definieren: "Religion ist erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen". Seine Definition ist eine der klassischen. Den substantialistischen Religionsbegriff vertreten z.B. Rudolf Otto, der das Heilige als irrationale Dimension hervorhebt, Mircea Eliade, der die Hierophanie und eine Dialektik zwischen heilig und profan herausarbeitet, sowie Max Weber. Nathan Söderblom sieht die Grundlage der Religion in der Macht und dem Machtvollen, nicht hingegen in einem Gott.

Die Religionsphänomenologie, die sich setzt sich mit dem Wesen der Religion auseinander. Geo Widengren ist einer der bekanntesten Vertreter dieses Bereichs, Geradus von der Leeuw, ein anderer. Er definierte Religion als das Erleben von überlegener Macht, welche persönlich oder unpersönlich sein kann. Definiert man Religion über den Begriff des Machtvollen, so kann man auch den Buddhismus, der sich nicht auf Gottheiten bezieht, als Religion bezeichnen.

Kritisiert wird der substanzialistische Religionsbegriff, weil er in seine Definition den Inhalt dessen mit aufnimmt, was definiert werden soll.

Funktionalistische Religionsdefinition

Der funktionalistische Religionsbegriff geht den Definitionsweg über die Funktion der Religion. Er besagt, dass Religion für das Individuum und die Gesellschaft eine prägende Rolle spielt und diese mitgestaltet. Definiert wird Religion so über ihre soziale Funktion. Sie wird in Bezug auf gesellschaftliche und individuelle Zusammenhänge gesetzt. Vertreter dieser Richtung sind Emile Durkheim, Ninian Smart oder Thomas Luckmann. Durkheim definiert Religion etwa als "solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer moralischen Gemeinschaft, die Kirche genannt wird, alle Personen vereint, die ihr angehören".

Funktionalistische Religionsdefinitionen sind sehr weit. Sie beziehen oft auch Phänomene mit ein, welche im Normalfall nicht als religiös gesehen werden, so etwa die Kunst, der Sport oder auch die politische Überzeugung . Der funktionalistische Religionsbegriff wird hauptsächlich von der Religionssoziologie genutzt; sie bezieht diese quasireligiösen Phänomenen mit in ihre Forschungen ein.

Dem Funktionalitätbegriff kritisch gegenüber stehen viele Religionskritiker der Aufklärung.

Es gibt funktionalistische Religionsdefinitionen, die auch als kulturalistisch bezeichnet werden, weil sie aus den Kulturwissenschaften abgeleitet wurden. Sie wollen sowohl die anthropologischen als auch die soziologischen Definitionen zu zusammenzufassen. Die bekannteste kulturalistische Religionsdefinition hat Clifford Geertz erarbeitet. Danach kann man Religion als ein Symbolsystem bezeichnen, dessen Intention es ist, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen hervorzurufen, dadurch, dass Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert werden, welche mit einer solchen Aura von Faktizität überzogen werden, dass die Stimmungen und Motivationen vollkommen der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen.

Auch die multidimensionalen Religionsdefinitionen gehören zu den funktionalistischen. Diese Definitionsversuche unterscheiden zwischen wenigstens drei Dimensionen: die Glaubensüberzeugungen, die Praktiken und die Gemeinschaft. Sie haben damit folglich eine theoretische, eine praktische und eine soziale Dimension. Ninian Smart kenn sogar sieben Dimensionen von Religion. Bei den multidimensionalen Definitionen handelt es sich aber an sich nicht um Definitionen, sondern eher um Beschreibungen von Aspekten, die bei den meisten Religionen vorhanden sind. Udo Tworuschka von der Universität Jena betont den Vermittlungsaspekt: Gegenstand der Religionswissenschaft sind nach ihm die "konkreten Religionen der Vergangenheit und Gegenwart. Dabei tritt dem Religionswissenschaftler Religion immer als ein Ganzes mit verschiedenen Dimensionen entgegen: Gemeinschaft, Handlungen, Lehren, Erfahrungen. Die Erforschung der Religion(en) erfordert die angemessene Berücksichtigung der Beziehungen der Religionen zueinander, ihrer Vorstellungen voneinander, der politisch-ökonomisch-sozialen Determinanten sowie ihrer vielfältigen Vermittlungen".