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Das Turiner Grabtuch

Es heißt, dass Jesus nach dem Tod am Kreuz in ein Leinentuch gehüllt wurde, welches man längs über die Vorder- und Rückseite des Körpers legte.

Das Grabtuch von Turin

An dem Turiner Grabtuch, il sindone, streiten sich die Geister. Für die einen, für die katholische Kirche, ist es nur eine Ikone, keine Reliquie, für die anderen das originale Leichentuch Christi. Das griechische Wort sindon bedeutet Leichentuch.

Die Geschichte seiner Entdeckung

Im April 1204 wurde Konstantinopel, eine seinerzeit christliche Stadt, von einem französisch-venezianischem Heer im Rahmen des 4. Kreuzzuges erobert und niedergebrannt. Robert de Cléry, ein Ritter aus der Picardie, notiert seinerzeit, dass er in der Kirche der Heiligen Maria der Blachernen ein Tuch gesehen habe, das jeden Freitag in seiner ganzen Länge entfaltet wurde, so dass man klar den Abdruck des Leichnams Jesu Christi von vorne und hinten, als ob er aufrecht stünde, sehen konnte.

Das Tuch verschwand jedoch, obwohl venezianische Sachverständige nach Reliquien und Kunstgegenständen suchen und diese mitnehmen. Nachdem das Heer Konstantinopel verlassen hatte, forderten die Byzantiner Papst Innozenz II auf, das Raubgut und auch das allerheiligste Tuch zurückzugeben, in das unser Herr Jesus Christus nach seinem Tod und vor seiner Auferstehung gewickelt wurde.

Die Kirche reagierte nicht. Sie suchte aber auch nicht in den Schatzkammern der Eroberer nach dem Tuch, das doch einen Beweis für das Leben und Sterben Jesu Christi liefern konnte. Warum hatte die Kirche seinerzeit kein Interesse an dem Grabtuch?

Geoffroy de Charnay, ein französischer Ritter, ein Neffe des Templer Großmeisters mit dem gleichen Namen, ließ kurz vor seinem Tod im Jahr 1356 in der Schlacht von Poitiers in dem Ort Lirey in der Champagne eine kleine Stiftskirche erbauen. Dort stellt man ein Tuch aus, welches dem aus Konstantinopel gleich zu sein scheint. Es ist nicht geklärt, wie Geoffrey de Charnay in den Besitz dieses Grabtuchs gekommen ist. Das Grabtuch zieht Pilger aus der Champagne und später aus Franche-Comté an. Die örtliche Kirche ist skeptisch. Der Bischof von Troyes hält das Tuch in einem Brief aus dem Jahr 1389 für eine listige Fälschung, welche aus Gewinnsucht angefertigt worden sei. Er begründet das damit, dass die Bibel in keinem der Evangelien den Abdruck des Leichnams Jesu auf seinem Grabtuch erwähnt. Außerdem habe sein Vorgänger im Amt das Geständnis des Künstlers gehört, der das Bild auf dem Tuch angefertigt habe. Der Papst ist nicht begeistert über die Äußerungen des Bischofs. Er verbietet ihm diese und droht sogar die Exkommunikation an.

Das Tuch gerät im 15. Jahrhundert in den Besitz des Hauses Savoyen. Der Papst erklärt außerdem, dass das Tuch durch das echte Blut Christi gefärbt sei. Es erhält einen eigenen christlichen Feiertag. Dadurch wird das Tuch des Geoffroy de Charnay von den weiteren vorhandenen anerkannten Grabtüchern abgehoben.

Das Tuch hat auch den großen Brand von 1532 überstanden. Aus jener Zeit rühren Brandflecken. Auch 1997 wurde es knapp aus der brennenden Kathedrale von Turin gerettet. Die Nachfahren des Herzogs Ludwig von Savoyen hatten es im Jahr 1578 nach Turin überführt. Heute gehört das Tuch dem Vatikan. Dieser wurde Erbe des letzten italienischen Königs Umberto II im Jahr 1983.

Das Turiner Grabtuch im 6. Jahrhundert

Das Grabtuch soll bereits im 6. Jahrhundert erwähnt worden sein. Nach dieser Annahme war es im Jahr 544, als der persische Großkönig Chosrau I, der einer der bedeutendsten Herrscher der Spätantike war, die Stadt Edesse im Süden des heutigen Anatoliens belagerte. Die Verteidiger der Stadt ist dabei, die Stadtmauer zu befestigen. Dabei trifft sie auf einen Hohlraum, in dem ein Tuch verborgen ist. Man sieht das Gesicht eines jungen Mannes, der ernst blickt. Jetzt erinnern sich einige der Bewohner an eine alte Legende, der zufolge der schwerkranke König Abgr von Edessa Jesus um Heilung gebeten haben soll. Doch Jesus entgegnet auf den Brief des Königs, dass er erst nach der Erfüllung seiner Mission auf der Erde zu Abgar kommen könne. Mit der Antwort Jesus bringt der Bote des Königs auch ein Bild von Christus mit. Dieses soll den kranken König trösten. Dieses Bild soll dadurch entstanden sein, dass Jesus ein Tuch auf sein Gesicht gelegt haben soll.

Doch das war nicht alles: als man das Tuch gefunden hatte, brach ein Feuer bei den Belagerern aus. So war Großkönig Chosrau gezwungen abzuziehen. Seither sind die Edesser felsenfest davon überzeugt, dass das Bild tatsächlich von Jesus stammt und sein Gesicht zeigt und ihre Stadt gerettet hat.

Seit dem 6. Jahrhundert ändert sich auch die Darstellung von Jesus auf Ikonen. Bisher wurde er jugendlicher, bartloser, ja beinahe griechisch anmutender Gott dargestellt. Nun wird er langhaarig, bärtig und etwas schwermütig abgebildet - so wie auf dem Bild des Tuchs von Edessa.

Negativbild des Turiner Grabtuchs

Doch die Kirche erkennt seit bereits 800 Jahren diese Reliquie nicht an. Im Jahr 1898 feiert man das 400-jährige Bestehen der Turiner Kathedrale. Der Rechtsanwalt Secondo Pia, ein Berater der Turiner Kommission bei den Vorbereitungen des Festakts, bekommt die Erlaubnis, die Sindone, das Tuch, zu fotografieren. Im zweiten Anlauf gelingt ihm ein Schnappschuss: auf den Glasplatten mit den Negativabbildungen ist deutlich ein Gesicht zu erkennen: es ist hager, und man sieht langes, strähniges Haar, die Augen sind geschlossen. Es wirkt erschöpft. Die weißen Flecken sind Blut. Das hat man schon seit geraumer Zeit eindeutig identifiziert. Nun sieht Pia, dass die Blutflecken an der Stelle sind, wo die Dornenkrone gesessen haben muss. Auch auf dem Körper sind sie sichtbar; dort, wo Nägel durch die Handgelenke geschlagen worden sein könnten.

War es bisher das Blut, das die Menschen faszinierte, so ist es seit Pias Foto das Negativbild, was als Wunder des Sindone bekannt wird.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Doch wissenschaftliche Untersuchungen mit der Radiokarbonmethode ergeben, zuletzt 1988, dass das Grabtuch von Turin eine Fälschung ist. Es stammt aus dem Mittelalter, aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. Aus elektronenmikroskopischen Untersuchungen weiß man, dass die Blutflecken aus Zinnober und die Körperabbildung aus Ockerpigmenten bestehen. Also hatte der Bischof von Troyses bereits vor 600 Jahren Recht, so scheint es jedenfalls.

Dennoch bleiben Fragen. Eine davon ist die, warum die Nagelwunden bei den Handwurzelknochen liegen und nicht in den Handflächen. Bei Kreuzigungen wurden die Nägel üblicherweise durch die Handgelenke gestoßen, wie man aus archäologischen Funden und medizinischen Untersuchungen weiß. Die im Mittelalter verbreitete Darstellung von Jesus am Kreuz zeigt jedoch immer eine Nageltreibung durch die Handflächen. Erst ab dem 17. Jahrhunderts findet man andere Darstellungen.

Und weiter: treibt man einen Nagel durch die Handwurzel, so wird der Daumen in einem Nerven- und Muskelkrampf zu den Handflächen gebogen. Die Abbildung der Hände auf der Sindone sind jedoch vor dem Unterleib übereinander gelegt. Man sieht keine Daumen. Es ist fraglich, ob ein Fälscher im Mittelalter dies gewusst haben kann.

Auf dem Tuch sieht man die Spuren einer Dornenhaube, nicht eines Dornenkranzes. Im Orient trugen Könige Hauben, nicht Kränze. Das weiß man durch jüngste archäologische Forschungen.

Die Körperwunden, wie sie auf dem Tuch sichtbar sind, bilden ein Indiz, dass die Beine seitlich angewinkelt am Kreuz angenagelt waren, so, wie es die neuere Forschung über Kreuzigungen herausgefunden hat. Im Mittelalter war dies nicht bekannt. Keine einzige mittelalterliche Darstellung zeigt diese Art der Kreuzigung.

Hält man sich vor Augen, dass das Tuch im Fotonegativ wirklichkeitsnäher erscheint also bei dem Original, so kann man zu dem Schluss kommen, dass das Original in Wahrheit das Negativ ist. Man hat auch die Helligkeitsparameter gemessen und in ein Höhenrelief übersetzt. Das Ergebnis ist eine genau dreidimensionale Abbildung eines menschlichen Körpers. Auch mit einer noch so guten Kamera ist man heute nicht in der Lage, ein derartiges Abbild zu erstellen. Der Schluss, dass das Abbild durch Auflegen des Tuchs auf den Körper die Dreidimensionalität erhalten haben könnte, ist nicht richtig, denn dann müsste das Abbild auf dem flach ausgebreiteten Tuch verzerrt dargestellt sein. Das ist es jedoch nicht. Es könnte sich natürlich um Malerei handeln, was wir auf dem Turiner Grabtuch sehen. Dann wäre ein Genie am Werk gewesen, denn man erkennt keinen einzigen Pinselstrich. Die Abbildung befindet sich nur auf der Oberfläche der Fasern. Das ist bei den angeblichen Blutflecken anders. Sie sind wie eine Flüssigkeit in die Tuchfasern eingedrungen. Der Künstler hätte Kenntnisse über die negativen Helligkeitswerte haben müssen, die eigentlich erst seit Erfindung der Fotografie bekannt sind, er hätte die Dreidimensionalität darstellen können müssen und vieles mehr. Diejenigen, die die von einer Fälschung ausgehen, wollen deshalb Leonardo da Vinci als Urheber des Grabtuchs sehen. Sie gehen davon aus, dass er das Grabtuch als eines seiner Rätsel gestaltet habe, die die Wissenschaftler von heute nicht lösen können sollten, damit er in dauernder Erinnerung bleiben würde. Außerdem, so sagt man, habe er die Kirche verhöhnen wollen, indem er Jesus seine eigenen Züge habe verliehen. Leonardo da Vinci soll auf das Tuch Silbernitrat oder echten Purpur aufgetragen haben. Dadurch sei ein lichtempfindlicher Film entstanden, der mit einer Camera Obscura in der Sonne über Tage belichtet worden sei. Er habe dazu einen präparierten Körper eines Toten benutzt. Das würde nach dieser Theorie auch die Nicht-Proportionalität von Körper und Kopf erklären. Der Kopf sei entstellt gewesen, so habe er seinen eigenen genommen. - Was ist von diesen Thesen zu halten? Die Lichtempfindlichkeit von Purpur und Silbernitrat sowie die Wirkungsweise der Camera Obscura waren zu Lebzeiten da Vincis bekannt. Doch das Grabtuch war zur Zeit der Geburt Leonardo da Vincis bereits seit 100 Jahren historisch belegt; es ist älter als der Künstler.

Widersprüche und Rätsel um das Turiner Grabtuch

Es gibt aber noch viele Widersprüche gegen die offiziellen Untersuchungsergebnisse. So wird bemängelt, dass bei der Radiokarbondatierung alle Proben von einer Stelle des Stoffes genommen worden seien. Man habe so eine der vielen nachträglich geflickten Stellen untersucht. Außerdem weist das Grabtuch genau die Webart auf, die in der Zeit und Region, in der Jesus gelebt hatte, üblich war. Man fand zudem auf dem Tuch Blütenpollen, die es nur in der Region Israels gibt. Auf den Augenlidern hat man zudem leichte Abbilder von Münzen gefunden. Die Münzprägungen stammen aus der Zeit Jesu. Allerdings ist es fraglich, ob man Jesus den Obulus für den Fährmann der Unterwelt auf die Augen gelegt hätte.

Zu den Blutflecken gab es im Jahr 1978 eine Untersuchung, die Shroud of Turin Reserch Projekt (Strup); danach soll es sich doch um echtes Blut handeln, so jedenfalls der Abschlussbericht.

Doch es gibt noch viel mehr Rätsel um das Tuch. So gibt es unterhalb der Blutspuren auf den Fasern keine Körperabbildung. Folglich muss die Abbildung erst nach dem Abdruck des Blutes entstanden sein. Man mutmaßt, dass dies durch einen Vorgang während der Auferstehung Christi geschehen sein könnte; dadurch könnte das Abbild des Körpers in das Tuch gebannt worden sein.

Außerdem ist auf der Rückseite des Tuches das Gesicht und sind die Hände völlig deckungsgleich mit der Vorderseite abgebildet.

Einige Wissenschaftler behauptet auf dem Tuch Inschriften entdeckt zu haben, die man nur mit digitaler Verstärkung sehen könne.

Man hat das Turiner Grabtuch mit dem Schweißtuch von Oviedo, einer anderen, ähnlichen Reliquie, verglichen. Jenes zeigt keine Körperabbildung, aber Blutspuren. Das besondere: die Blutspuren haben die gleiche Lage wie die auf dem Turiner Tuch. Das lässt den Schluss nahe, dass beide Tücher denselben Körper bedeckt haben. Das Schweißtuch von Oviedo stammt aber aus dem 7. Jahrhundert, wie Radiokarbondatierungen ergeben haben. Die Kirche sieht auch das Schweißtuch von Olviedo nicht als Reliquie, sondern lediglich als Ikone an.

Es gibt noch eine weitere Reliquie, die zu den beiden dargestellten passt, nämlich den Schleier von Manoppello, der ein Gesicht bedeckte. Die bildhafte Darstellung auf dem Schleier gehört stilistisch ins späte Mittelalter. Allerdings ist der Schleier nie untersucht worden; es gab keine Freigabe hierzu. Dennoch und grade deshalb ist der Schleier rätselhaft, denn die Farbe wurde wie die Oberflächenstruktur eines Schmetterlingsflügels aufgetragen. Je nach Blickwinkel sieht der Betrachter unterschiedliche Details.

Ein weiteres Relikt dieser Art ist die Tilma von Guadalupe in Mexiko. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Mutter Gottes. Dieses entstand, so wird gesagt, im 16. Jahrhundert vor den Augen vieler Zeugen in einem Kleidungsstück.

Papst Johannes Paul II zum Turiner Grabtuch

Zuletzt hat sich Papst Johannes Paul II 1998 zum Turiner Grabtuch geäußert. Es werfe Fragen über die Beziehung dieses geweihten Leinens zum historischen Leben Jesu auf. Dies sei aber keine Glaubensangelegenheit. Folglich habe die Kirche keine besondere Befugnis, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen.

Und hier setzen unterschiedliche Verschwörungstheorien an, die hinterfragen, warum die Kirche so auf Distanz geht. Es wird eine Verbindung zum Schweißtuch der Veronika gezogen. Nach der christlichen Überlieferung hat Veronika ihr Tuch Jesus von Nazareth auf dessen Weg nach Golgota gereicht, um Schweiß und Blut von dessen Gesicht abzuwaschen. Dabei soll sich das Gesicht Jesu auf wunderbare Weise auf dem Schweißtuch als sogenanntes Veronikabild eingeprägt haben. Dieses soll angeblich echt sein. und sich seit dem Jahr 1506 in einem Tresor im Veronikapfeiler des Petersdoms befinden. Es galt seinerzeit als die wertvollste Reliquie des Christentums. Was ist darauf zu sehen? Warum wird es versteckt gehalten? Sind das Grabtuch von Turin und das Schweißtuch in einer Beziehung wie sie ein Schloss zu einem Schlüssel hat? Warum spielt die Kirche die Bedeutung des Turiner Grabtuchs herunter? Verstecken kann sie es jedenfalls nicht mehr.