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Jesus in Indien

Das, was man über Jesus historisch gesichert weiß, passt auf eine Postkarte - so hat esich der evangelische Theologe Rudlof Bultmann ausgedrückt. So ist es kein Wunder, dass sich viele Theorien über das Leben Jesu entwickelt haben.

Der historische Jesus in Indien

Eine dieser Theorien besagt, dass Jesus nach Indien ging.

Die Texte der vier Evangelien wurden erst Ende des 4. Jahrhunderts ausgewählt. Keine dieser Schriften beruht auf historisch belegten Tatsachen. Man weiß nicht, wer die Männer mit den Namen Lukas, Matthäus, Markus und Johannes waren. Jedenfalls kannte keiner von ihnen Jesus persönlich. Bei den Evangelien handelt es sich zudem nicht um eine Biografie Christi, sondern, so die Kirchenlehre, um die zentralen Texte des christlichen Glaubens. Somit lässt sich festhalten, dass es nur sehr wenig Quellenmaterial über den historischen Jesus gibt. Folglich gibt es viele Theorien über das Leben Jesu.

Nicht erst Marco Polo war auf der Seidenstrasse?

Ging Jesus also nach Indien? Schon damals existierte die Seidenstrasse, die bei uns in Europa erst durch den Entdecker Marco Polo bekannt geworden ist. Die Seidenstrasse verband seinerzeit Palästina mit Indien und China. Es gab einen Handelsaustausch, der von Jerusalem über Damaskus, Harat, Taxila nach Srinagar reichte. Srinagar liegt im Kaschmir-Gebiet im Norden von Indien. Warum sollte also nicht auch Jesus auf dieser Seidenstrasse unterwegs gewesen sein?

Louis Jacolliot

Ein Verfechter dieser Theorie war Louis Jacolliot, der von 1837 bis 1890 lebte. Er schrieb das Buch La Bible dans l' Inde. Vie de Iezeus Christna. Es wurde 1869 veröffentlicht. Der gebürtige Franzose lebte von 1865 bis 1868 in Indien und war dort als Bezirksrichter tätig. Jacolliot behauptete in alten buddhistischen Schriften Hinweise gefunden zu haben, dass Jesus in Indien lebte und auch lehrte. Er lieferte alte Sanskrit-Zitate als Beweis seiner Behauptungen. Doch schon zu seinen Lebzeiten konnte ihm nachgewiesen werden, dass er des Sanskrits gar nicht mächtig war und dass es die von ihm zitierten Schriften überhaupt nicht gab.

Nikolaj Notowitsch

Es gibt aber noch weitere Verfechter der Theorie, dass Jesus in Indien war. Einer davon war Nikolaj Notowitsch. Er war Offizier bei den Kosaken. 1887 bereiste er als Korrespondent der Petersburger Zeitung Nofoje Vremja den Himalaja und gelangte über die Bergpässe nach Ladakh. Dieses gehört heute zum indischen Bundesstaat Kaschmir. Notowitsch kam bei unterschiedlichen Klöstern vorbei und erfuhr dort, dass Jesus den Mönchen bekannt war. Im Kloster von Hemis sei verzeichnet gewesen, dass Jesus als 14jähriger mit einer Handelskarawane nach Nordindien gekommen sei. Dort haber er bei Brahamanen gelebt. Diese hätten ihm gezeigt, wie man böse Geister austreiben und mit Gebeten heilen könne. Anhänger von Buddha hätten ihm später dessen Lehren nahe gebracht. Jesus habe 12 Jahre in Indien gelebt, ehe er nach Galiläa zurück gekehrt sei. Notowitsch veröffentlichte in Paris im Jahr 1894 seine Erlebnisse in Ladakh unter dem Titel La vie inconnue de Jesus-Christ. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Im Deutschen heißt es: Die Lücke im Leben Jesu.

Wissenschaft widerlegt: Jesus war nicht in Indien

Der Religionswissenschaftler Max Müller, der von 1823 bis 1900 lebte und einer der Begründer der Sanskritforschung war, fragte in den Klöster Ladakhs nach Notowitsch und dessen Reise, die sieben Jahre zurück lag. Dort war jener aber nicht bekannt. Auch der Engländer J. Archibald Douglas, ein Professor an der Universität in Agra erkundigte sich 1895 nach Notowitsch. Im Dorf Haiena hatte niemand von ihm gehört, auch nicht im Kloster Hemis. So erklärte das Oberhaupt des Klosters Hemis in einer eidesstattlichen Versicherung, dass Notowitsch nie bei ihm im Kloster gewesen sei. Er war bereits 15 Jahre im Amt. Außerdem erklärte er, dass es kein Buch über das Leben Jesus Christus in Indien im Kloster gebe. Die buddhistischen Mönche hätten auch erst von den europäischen Missionaren von Jesus gehört. Douglas veröffentlichte dies im April 1896 in der Fachzeitschrift Orientalische Biographie.

A. Favre, ein französischer Ingenieur, der von 1886 bis 1889 in Kaschmir war, erklärte, dass die Zeitangaben im Reisebericht von Notowitsch unmöglich seien.

Mirza Ghulam Ahmad

Ein weiterer Vertreter der These, dass Jesus in Indien gelebt habe, ist Mirza Ghulam Ahmad. Er lebte von 1835 bis 1908. Er war der Gründer der islamischen Ahmadiyya-Sekte.Er veröffentlichte 1899 ein entsprechendes Buch in der Urdu-Sprache. Es wurde ins Englische mit dem Titel Jesus in India übersetzt. Mirza Ghulam Ahmad beschreibt darin eine göttliche Offenbarung. Danach habe Jesus die Kreuzigung mittels eines Wunderöls überlebt. Er habe sich danach auf die Suche nach den verlorenen Stämmen Israels gemacht und habe sie in Kaschmir gefunden. Die verlorenen Stämmen Israels sind die zehn israelitischen Völker, die nach der Eroberung Israels durch die Assyrer 722 bis 721 v. Chr. vertrieben wurden. Jesus habe sich dann in Kaschmir zur Ruhe gesetzt und dort bis zu seinem 120 Lebensjahr gelebt. Er sei in der Khanyar Straße von Srinagar begraben. Sein Grab könne man heute noch besuchen.

Mirza Ghulam Ahmad behauptete auch, innere Stimmen zu hören und zudem der Mahdi, der letzte von den Moslems erwartete Prophet zu sein. Als er jedoch erklärte, die Wiedergeburt Mohammeds zu sein, stieß er auf großen muslimischen Widerstand. Er erklärte daraufhin, dass er gesandt worden sei, um das Kreuz zu brechen, also den Glaubensinhalt der Christen und damit das Christentum selbst zu zerstören. Mit dem Kreuz meinte er in erster Linie die Lehre von Jesus, der am Kreuz für alle Menschen gestorben war und wiederauferstand. Die These vom Überleben der Kreuzigung stützte Mirza Ghulam Ahmad mit dem Koran. Einige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1908 erklärte er noch, die Wiedergeburt von Krishna, einer hinduistischen Gottheit, zu sein.

Neuere Theorien zu Jesus in Indien

J.D.Shams verfasste im Jahr 1939 in London das Buch The tomb of Jesus Christ in India. Er war Imam der Londoner Moschee. In seinem Buch bezog er sich auf Mirza Ghulam Ahmad und dessen göttliche Offenbarungen.

Der Journalist Kurt Berna griff 1957 die These vom Leben Jesus in Indien noch einmal auf. Er stützte sich in erster Linie auf Louis Jacolliots. Berna führte auch die Pseudonyme John Reban und Hans Naber.

1971 erklärte der Islamprofessor Fida Mohamme Hassnain, er habe das Jesus Grab in Srinagar gefunden. Als Beweis führte er die Texte eines altindischen Gelehrten aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. an. Dort stand geschrieben: Aus einem fernen Land kam ein Mann nach Kaschmir und sprach mit dem König. Als der König ihn nach seinem Namen fragte, sagte der Fremde: Mein Name ist Ischaputram. Das bedeutet Gottes Sohn. Das Originaldokument war allerdings nicht mehr vorhanden. Es gab nur noch eine Kopie.

Das Grab Jesu in Indien

Wie sieht nun das angebliche Grab Jesus in Indien aus? Das Grabhäuschen steht in der Khanyar-Straße in Srinagar. Es besteht aus einem rechteckigen Gebäude und hat eine angehobene Plattform. An der Vorderseite befindet sich ein Geländer. Dort befinden sich auch drei Bögen und der Eingang. Auf jeder Seite sind vier Bögen vorhanden. Angehörige der Ahmadiyya-Sekte bewachen es. Sie baupten von sich selbst, Nachfahren von Yuz Azaf zu sein, was Jesus bedeute, so Hassnain. Dieses Grabmal führte Hassnain ebenfalls als Beweis seiner These an. Er erklärte, es bereits 1960 untersucht zu haben. Dort soll es einen Steinsarkophag, ein Holzkreuz, einen Rosenkranz sowie eine Platte mit Fußreliefs geben. Eine sichelförmige Vertiefung zwischen Zehen und Fußballen stellten die Kreuzigungsmerkmale dar, so Hassnain.

Was spricht gegen diese Beweise? Gegen den letzten, die Kreuzigungsmerkmale, wird angeführt, dass die Narben von durch einen Nagel herbeigeführten Wunden sich nicht so weit vorne befinden würde und außerdem wären sie rund und nicht sichelförmig. Außerdem seien Fußdarstellungen in indischen Heiligengräbern lange Tradition und keine Besonderheit. Ein Rosenkranz wird schriftlich erstmals seit dem Jahr 1000 belegt. Zudem sind der Rosenkranz und auch nicht das Kreuz auf ihr Alter untersucht worden.

Hassnain prophezeite in den 1970er Jahren die Wiederkunft Jesus für den 21. März 1983.

Günther Grönbold veröffentlichte 1985 das Buch "Jesus in Indien. Das Ende einer Legende". Er ist ein deutscher Indologe. In dem Buch begibt er sich auf Spurensuche, wie es zu der These, Jesus sei in Indien gewesen, hat kommen können. Er begann bei dem Namen Yuz-Asaf. Es sei eine willkürliche Wotverfälschung. Das Wort Yuzasaf, das aus dem persischen, arabischen und kaschmirischen stammt, sei als Yuz Azaf getrennt worden, damit man eine Silbe erhalten konnte, die im Klang entfernt an Jesus erinnert: Yuz. Yuzasaf hingegen sei eine arabisierte Schreibweise von Bodhisattva, ein buddhistischer Heiliger.