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Die christliche Wallfahrt -
ein geschichtlicher Abriss des katholischen Pilgerwesens

Was ist eine Wallfahrt?

Der Begriff Wallfahrt leitet sich aus dem mittelhochdeutschen wal(le)vart und dem althochdeutschen wal(l)on ab. Diese Wörter bedeuten umherziehen und wandern.

Nach der Definition ist eine Wallfahrt oder Pilgerfahrt eine religiös motivierte Fahrt oder Wanderung zu einer heiligen Stätte. Eine Wallfahrt ist in aller Regel mit der Idee verknüpft, am Wallfahrtsort Gott besonders nah zu sein. Sie wird getragen von der Erwartung, am Wallfahrtsziel Stärkung des persönlichen Glaubens, einen Gewinn religiöser Erkenntnis, die Heilung von Krankheiten oder Hilfe in persönlichen Notlagen zu erhalten.

Entstehung der christlichen Wallfahrt

Nach dem christlichen Glauben kam Gott in der Person Jesu auf die Welt. Die Welt wurde dadurch geheiligt. Ganz besonders geheiligt wurde alles und wurden alle, die mit dem Heilsbringer Jesu in Verbindung waren. Das auf der Erde erfahrbare Heil wurde weitergereicht - von Jesus an seine Apostel und Jünger, von diesen an deren Apostel und Jünger. Und auch an Orte, wo sie gelebt und gewirkt hatten. Selbst die sterblichen Überreste jener Nachfolger Christi im Geiste, die der Heiligen und ihrer Gräber nahmen an dem Heil Gottes teil. So konnte ein Aufsuchen dieser geheiligten Orte dem gläubigen Christen helfen, selbst das Heil Gottes zu erlangen und den Weg in das Himmelreich zu finden.

Führt man sich diese Vorstellung vor Augen, so ist es nicht verwunderlich, dass sich in der noch jungen Kirche ein Wallfahrtswesen entwickelte, bei dem die Suche nach dem Ort der Heilung im Mittelpunkt stand. Solche Orte waren jene, an denen Reliquien besonders angesehener und verehrter Heiliger aufbewahrt wurden.

Seit dem 4. Jahrhundert kennt das Christentum die Wallfahrt zu den Stätten der biblischen Offenbarung und des Erdenlebens Jesu.

Zu den wichtigsten Zielen der Wallfahrer zählten das Heilige Land und besonders Jerusalem. Jerusalem war und ist für die Christen der Heiligste Ort, denn es ist die Stadt des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu.

Wallfahrt im Mittelalter

Seit dem frühen Mittelalter pilgern Christen zu heiligen Stätten. (Und auch schon vorher, siehe oben). Das Christentum hatte in jenen Tagen die Kultur der jüdischen Reisen nach Jerusalem zu den Zeiten der Pilgerfeste übernommen und abgewandelt. Intention dieser christlichen Wallfahrten war es, Sünden abzutragen, religiöse Läuterung zu erfahren, oder, wie schon oben dargestellt, Heilung zu erlangen oder Gott einfach sehr nah zu sein.

Zeugnis des Glaubens

Doch erst im Mittelalter etablierte sich die christliche Wallfahrt als Zeugnis des Glaubens. Einer der Gründe lag sicherlich darin, dass die Wege zu den Wallfahrtsorten oft weit, anstrengend und voller Gefahren waren. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass bereits das Gelübde, eine Wallfahrt innerhalb einer bestimmten Frist zu unternehmen das sogenannte Votum peregrinationis, eine herausragende Bedeutung hatte. Besonders, wenn die Wallfahrt den Pilger in die weite Ferne führen würde, wurde dieses Gelübde abgelegt. Besonders wenn man mit der Wallfahrt Gott für ein Ereignis im Leben danken wollte, sprach man dieses Gelübde feierlich aus. Es wurde in Anwesenheit von Freunden und Verwandten mit lauter Stimme gesprochen. Dabei sank der Gelobende auf die Knie und erhob die Hände zum Himmel. War das heilige Versprechen gegeben, so konnte man mit den weitläufigen Vorbereitungen zur Wallfahrt beginnen. Insbesondere war die Finanzierung oft ein großes Problem. Häufig verkaufte man Grundbesitz, behielt sich aber ein Rückkaufsrecht für den (gewünschten, aber nicht immer eintretenden) Fall der Rückkehr vor. Man fasste ein Testament ab und Regelte seinen Besitz und Nachlass. Das alles zeigte, dass man sich mit der Wallfahrt in Gottes Hände befahl.

Wallfahrt unter dem Schutz der Obrigkeit

Je mehr sich das Wallfahrtswesen etablierte, desto mehr wurde es auch von Seiten der Herrscher geregelt und geschützt. So gab es beispielsweise bereits im 12. Jahrhundert Schutzbestimmungen für Pilger zu Olav dem Heiligen. Im Jahr 1164 stellte König Magnus Erlingsson einen Privilegienbrief für die Wallfahrer nach Nidaros aus. Dieses Dokument wurde von Papst Coelestin III. bekräftigt, als er am 15. April die Rechte der norwegischen Kirche festlegte. Das schwedische Landschaftsgesetz sah etwa einen Aufschub für Diebstahlsklagen, Grundbesitzstreitigkeiten oder Eidespflichten bis zur Rückkehr des Pilgers vor. Übergriffe auf Pilger waren mit schweren Kirchenstrafen und und Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses bewehrt. Die Schutzbestimmungen für die Wallfahrer wurden in späteren Vereinbarungen zwischen Kirche und König erneuert. Im Jahr 1273 wurden die Strafbestimmungen auf Spione ausgedehnt, die sich als Pilger ausgaben. Dies war offenbar ein weit verbreitetes Übel, wie sich daraus ableiten lässt, dass König Håkon Magnusson im Jahr 1303 noch einmal speziell mit Dieben und Räubern auseinandersetzte, die sich als Pilger ausgaben.

Auch die Päpste gingen dazu über, eigene Schutzbriefe für Wallfahrer auszustellen. Im Jahr 1336 fertigte Benedikt XII derartige Dokumente für schwedische Pilger aus Ångermanland und Hälsingland nach Nidaros.

Johann II, König von Kastilien Johann II. traf im Jahr 1434 Bestimmungen für Pilger aus Schweden, Norwegen und Dänemark auf dem Wege nach Santiago de Compostela. Königin Isabella I. schloss sich dem im Jahr 1479 an. Die Pilger jedoch versuchten sich noch mehr abzusichern. Sie führten deshalb von der örtlichen Geistlichkeit auf sie persönlich ausgestellte Schutzbriefe mit sich, die bewiesen, dass sie wirklich ehrliche Pilger waren.

Pilgerbrauchtum

Im Mittelalter musste jedoch nicht unbedingt die Strapazen einer Wallfahrt selbst auf sich nehmen, um den Segen einer Pilgerreise für sich beanspruchen zu können. Es bestand die Möglichkeit, andere für sich gegen Bezahlung pilgern zu lassen. Um den Nachweis zu erhalten, das Pilgerziel tatsächlich erreicht zu haben, musste der Pilger-Stellvertreter Pilgermarken vom Wallfahrtsort mitbringen, die belegten, dass er auch wirklich dort gewesen war. Allerdings wurden solche Marken auch oft gefälscht.

Pilger kleideten sich mit einer Art Uniform: zu ihrer Ausrüstung gehörte ein langer Mantel, ein breitkrempiger Hut, Pilgertasche, Trinkflasche und der Pilgerstab.

Unterstützung des Pilgerwesens durch die Bevölkerung

Pilger wurden von der Landbevölkerung gerne aufgenommen, denn ihr Beherbergen gehörte zu den Werken der Barmherzigkeit und auf diese Weise bestand die Möglichkeit, an dem Segen der Wallfahrt teilzuhaben. Natürlich waren die Unterkunft und das Leben für die Pilger nicht umsonst. Die Einkünfte durch die Pilger kamen den Ländern, durch die sie reisten, den Ritterorden, die Schutz verkauften, und den Orten der Pilgerreiseziele zugute. Die Pilger waren im Mittelalter das, was die heutigen Touristen sind: Geldquellen für die heimische Wirtschaft. Auch die beteiligten kirchlichen Einrichtungen erzielten nicht unerhebliche Einnahmen. In vielen christlichen Legenden wird über Geistliche berichtet, die den Leuten rieten, eine solche Pilgerfahrt zu unternehmen. Diese Legenden wurden oftmals auch im Auftrag der Kirche von christlichen Legendenschriftstellern erstellt, um die Wallfahrtsorte attraktiv zu machen und die Gläubigen und ihrer Spenden, Steuern und Kollekten dorthin zu lenken.

Heilung und Hospize

Große Wallfahrtskirchen hatten mit der Zeit besondere Einrichtungen für Kranke geschaffen, die bei den Reliquien Heilung suchten. Es wurden Hospitäler gegründet und daraus entstanden schließlich regelrechte medizinische Zentren. So ergaben beispielsweise geschichtliche Forschungen bei der Wallfahrtskirche in Æbelholt in Dänemark, dass sich dort eines der fortschrittlichsten medizinischen Behandlungszentren mit chirurgischen Operationen etabliert hatte. Dies ist aus den am Wallfahrtsort entstandenen Wunderberichten nicht zu entnehmen.

Wallfahrtsziele gestern und heute

Die Kreuzzüge

Im frühen Mittelalter war das Heilige Land das Ziel vieler christlicher Wallfahrten im westlichen Christentum. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass sich die Kreuzzüge als besondere, gewaltbegleitete Form der Wallfahrt entwickelten. Diese hatten allerdings auch eine politisch-strategische Bedeutung. Als sich die Christen schließlich wieder aus dem Heiligen Land zurückziehen mussten und die dortigen Pilgerstätten für Jahrhunderte nicht oder nur schwer erreichbar waren, setzten sich im christlichen Westen Reliquien und Gräber von Heiligen in leicht erreichbarer Nähe der Gläubigen für eine lange Zeit in den Vordergrund. Die Kirche förderte diese Stätten für Wallfahrten gezielt. In der Ostkirche hingegen wurde der Brauch einer Jerusalem-Wallfahrt dagegen beinahe ununterbrochen beibehalten. Aber Wallfahrten in andere Länder, etwa nach Santiago de Compostela in Spanien kamen hinzu, s. gleich.

Die Apostelgräber

Von herausragender Bedeutung als christlicher Wallfahrtsort sind die Gräber der Apostel Petrus und Paulus in Rom, das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela und die Stätten des Heiligen Landes. Pilgerfahrten zu diesen Zielen zählen bei den Katholischen Christen als Hauptwallfahrten, Fahrten zu weniger bedeutenden Orten sind dagegen Nebenwallfahrten. Es entwickeln sich aber auch Pilgerfahrten zu Orten, die nicht durch den Vatikan oder den zuständigen Bischof autorisiert wurden und deshalb streng genommen keine Wallfahrtsorte sind, jedenfalls keine katholischen. Ein Beispiel hierfür ist Medjugorje in Bosnien-Herzegowina.

Besondere Wallfahrten

Zu bestimmten Zeiten werden etwa von den Bistümern traditionelle Wallfahrten veranstaltet, anlässlich derer sonst nicht sichtbare bzw. zugängliche Reliquien den Gläubigen gezeigt werden. Zu nennen ist hier etwa die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt, zu der die Aachener Heiligtümer aus dem Marienschrein des Aachener Dom geholt werden. Oder auch die in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Wallfahrten zum Heiligen Rock nach Trier, bei dem es sich um die Tunika Christi handeln soll sowie die Wallfahrt zu den "Heiligen drei Hostien" nach Andechs.

Die Wallfahrt zur Deggendorfer Gnad oder nach Heiligenblut in Süddeutschland sind Beispiele von Orten mittelalterlicher antijüdischer Pogrome und Morde durch christliche Gemeinden und Städte. Sie wurden durch umdeutende Legenden zu Pilger- bzw. Wallfahrtsorten, in denen man ihnen wundertätige Eigenschaften andichtete. Sie verweisen auf die diffamierenden Ritualmordlegenden von Hostienfrevel durch mittelalterliche jüdische Gemeinden. Solche eingestellten und verbotenen Wallfahrten mit antijudaistischem und religiös-fanatischem Hintergrund. Es ist in den letzten Jahren allerdings vorgekommen, dass sie vereinzelt wieder aufgenommen wurden. Der Hintergrund war oft auch finanzieller Natur. Einmal wurden die Kapellen bzw. Kirchen mit den geraubten Mitteln der ausgelöschten jüdischen Gemeinden gebaut und zum anderen hatten die Pilgerfahrten zu diesen Orten positive Einnahmen für die Gemeinden zur Folge. Der rassistische religiösen Fanatismus und Antijudaismus als Erbe dieser christlichen Wallfahrten wird im Zuge der vereinzelten Wiederaufnahmen dieser besonderen Wallfahrten durch christliche Kreise nur am Rande vermittelt.

Wallfahrtziele der Gegenwart

Christliche Wallfahrten werden in der heutigen Zeit größtenteils als zeichenhafte Darstellung der Lebensreise verstanden. Der Aufenthalt am fremden heiligen Ort öffnet vielen Menschen bisher verschlossene Bereiche ihres Seelenlebens und ihrer Gefühle.

Es gibt mehr als zehntausend christliche heilige Pilgerstätten, die man als Wallfahrer aufsuchen kann. Die weltweit größten jährlichen Wallfahrten finden zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe statt. Daran beteiligen sich etwa 20 Mio. Pilger. Zweitbedeutendstes christliches Wallfahrtsziel ist die "ewige Stadt" Rom mit ca. 18 Mio. Pilgern pro Jahr. Weitere bedeutende christliche Wallfahrtsstätten sind Santiago de Compostela in Spanien mit neun Millionen Jakobspilgern, San Giovanni Rotondo in Italien mit etwa sieben Mio. Pilgern, Aparecida in Brasilien mit ca. acht Mio. Pilgern , Lourdes in Frankreich mit ca. 5 Mio. Pilgern , Jasna Gora in Tschenstochau in Polen mit etwa 4-5 Mio. Pilgern, Fátima in Portugal, Padua in Italien, Assisi in Italien, Mariazell in Österreich und Loreto in Italien.